Hoamatgfühl - unterwegs in den Sarner Bergen

Einige Abschnitte dieser Tour hatte ich in meinem Blog schon beschrieben. Und doch verfolgt mich seit gestern der Gedanke, nachdem ich diese Runde zum x-ten Mal gefahren bin, wieder einmal über diese traumhafte Tour, die atemberaubende Kulisse und vor allem das Gefühl zu schreiben, das sich in mir breitmacht, wenn ich diese Runde fahre. Freitag und frei - die perfekte Kombi. Zuerst ein paar Erledigungen im Dorf, Bekannten begegnen, ein paar Takte reden und dann direkt auf das Bike, so stelle ich mir einen freien Sommertag zuhause vor. Heute bin ich allein unterwegs, der Start über die Asphaltstraße ist immer etwas zäh, ehe man den Rythmus gefunden hat. Ab der ersten Kehre entkoppeln sich Kopf und Beine, sie arbeiten autonom, der Kopf wird frei, die Gedanken schweben und eine Melodie bricht sich Bahn - Hoamatgfühl. 

Nach den ersten 1.000 Höhenmetern beginnt das sanfte Gleiten

Bodenständig - die Öttenbacher Alm

Ich habe den letzten Hof, den Obermarcher, erreicht, kurble am  Parkplatz vorbei und der Untergrund wechselt zu Schotter, es öffnet sich zusehends der Horizont, ich fahre über die Waldgrenze und nach einer Kehre finden meine Augen den ersten Blick in die Dolomiten. Es ist Mittagszeit, aber an der Öttenbacher Alm ist die Einkehr ohnehin ein Muss. Eine Alm, vor Jahren schon umgebaut und modernisiert, aber ohne jeden Schnickschnack, ehrlich, echt, bodenständig. Ein Gaumenschmaus ist der "Schepsen" oder das "Bockene" (Lamm- oder Ziegenbraten) mit Knödeln und selbst wenn man nicht zur Essenszeit hier vorbeikommt, ist der legendäre Mohnstreuselkuchen beinahe Pflichtprogramm. Mit fast 1.000 Höhenmetern und etwas über 10 Kilometern seit dem Start ist die Einkehr jedenfalls verdient. Das Bockene ist zart, die Knödel locker, der Ausblick spektakulär - was für ein Tag!

Sanfte Trails - auf und ab

Ruhe und Weite
 

Danach besteht die Tour nur mehr aus einem sanften Auf und Ab, in Richtung Meraner Hütte geht es weiter. Vorbei am Spieler, über das Kreuzjoch, zwischen 1.900 und 2.100 Höhenmetern surft man gelassen dahin. Immer auf sanften und leichten Trails, mal wieder etwas abwärts, dann in einem leichten Anstieg. Dieses Gefühl, das die Alten immer mit "obenauf auf der Welt" beschrieben hatten, befällt mich hier, die schier grenzenlose Weite vermittelt ein ungeahntes Freiheitsgefühl und eine tiefe Verbundenheit mit diesem Flecken Erde. 

"obenauf auf der Welt"

Kreuzjöchl - 360° Aussichtspunkt

 
Stoanerne Mandlen - mystischer Kraftplatz

An friedlich wiederkäuenden Rindern vorbei fahre ich auf das Kreuzjöchl, von dort weiter auf das Auener Joch und auf die Stoanernen Mandlen. Dieser Kraftort und frühgeschichtliche Kultplatz, ehemaliger  Treffpunkt der "Bachlerzottl", der bekannten Sarntaler Hexe, die im Jahr 1540 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, ist auch heute noch Sammelplatz moderner Hexen verschiedenster Coleur. Und natürlich Pflichtprogramm für jede Bergtour auf dem Tschöggelberg, ob zu Fuß oder mit dem MTB. 

Nebel zieht auf, mit ihm düstere Stimmung
 

Mit Wurzeln und Steinen gespickter Naturtrail
 

Aufziehende Wolken scheinen die Geister der Vergangenheit wiederzuerwecken und aufziehende Nebel mahnen zur Weiterfahrt. Auf leichtem Grasboden geht es schwungvoll von den Mandlen zur Möltner Kaser, einer gut besuchten Alm, wo ich ein kurzes Gewitter vorbeiziehen lasse. Danach trete ich die erfrischende Rückfahrt im leichten Nieselregen an, auf Wald- und Naturtrails, die mit Wurzeln und Steinen gespickt sind, kurble ich in das Sarntal zurück. Am Putzer Kreuz hoch über dem Tal lohnt sich eine letzte Einkehr, bevor es den alten Putzer Weg, einen ruppigen Saumpfad, hinab in das Tal an den Ausgangspunkt der Tour geht. Die Sonne bahnt sich wieder den Weg durch die Wolken, aus dem Tal steigt mir feuchtwarme Luft entgegen, ich vernichte die letzten 500 Höhenmeter und tauche in den sommerlichen Duft der Berge ein. Hoamatgfühl!

 


Fazit: Zurück am Ausgangspunkt in Sarnthein stehen 30 Kilometer und 1.340 Höhenmeter auf dem Tacho. Aber etwas ganz anderes ist viel wichtiger - das Erlebnis und das Gefühl - was für ein Tag!

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