Dienstag, 16. Oktober 2018

Südtirol: Hart aber herzlich - von Vals zur Brixner Hütte

Wer Lust verspürt, eine kurze und knackige Tour mit vielen Höhenmetern auf kurzer Distanz zu unternehmen, sollte sich einmal mit dem folgenden Tourentipp beschäftigen. Die Fahrt mit dem MTB vom Bergdorf Vals (1.396 m) auf die Brixner Hütte (2.282 m) ist nicht nur durch eine herrliche Landschaft gekennzeichnet, sondern vielmehr durch die vielen steilen Rampen, die es zu bewältigen gilt. Dabei sind diese allesamt fahrbar, vorausgesetzt die Beschaffenheit des Untergrundes ist gut - was nicht bei allen Wetterverhältnissen der Fall sein muss - und man hat genügend Körner in den Beinen.

Etwa 900 Höhenmeter auf einer Strecke von rund 8 Kilometern erwarten den Biker. Und es gilt Rampen mit bis zu 27 Prozent Steigung zu bezwingen. Der Weg ist in eine beinahe archaische Landschaft eingebettet, mit einer wilden Schlucht und tosenden Wasserfällen. Sehenswert ist die Fane Alm, diese ist wiederum Kulturlandschaft und beinahe ein kleines Bergdorf, auf das man am Ende der Asfaltstraße mit den vielen steilen Kehren trifft. Ab hier geht es auf Schotter weiter, zuerst ganz harmlos, denn die richtigen Steilstücke sieht man vorerst nicht - und das ist besser so.
Geschafft - vor der Brixner Hütte
Nach den Wasserfällen scheinen die schwierigsten Rampen bezwungen, aber an der Abzweigung des Wanderweges zum Wilden See sieht man erstmals die Hütte. Es fehlen noch zwei Kilometer und 300 Höhenmeter bis ans Ziel, ab hier geht es zur Sache - und es soll Biker geben, die hier noch umkehren. Die bewirtschaftete und familienfreundliche Brixner Hütte thront majestätisch auf einer kleinen Hochebene inmitten der Pfunderer Berge und ist ein beliebter Stützpunkt am Pfunderer Höhenweg. Dieser führt von Sterzing oder Bruneck aus in mehreren Tagesetappen durch meist hochalpines Gelände rund 70 Kilometer durch die südlichen Zillertaler Alpen. Die Brixner Hütte ist zudem Ausgangspunkt für Touren auf die Wilde Kreuzspitze und die Wurmaulspitze.
Blick von der Brixner Hütte talauswärts
Nach der Einkehr in der sehr gut geführten Hütte geht es rasant bergab. Der Weg ist in den ersten paar Kehren spaßig zu fahren. Er verbreitert sich zusehends und wird zu einer Forststraße und ehe man es sich versieht ist man an der Fane Alm vorbei und noch schneller zurück am Ausgangspunkt in Vals.

Fazit: Dieser Tourenvorschlag ist gewiss nicht tagesfüllend, allerdings gibt es im Valser Tal eine Reihe von Trails, mit denen man die Tour abrunden kann. Sie eignet sich auch hervorragend, wenn man kurze und steile Anstiege trainieren oder einfach einmal die eigene Kondition und deren Grenzen ausloten möchte. 

Mittwoch, 5. September 2018

Südtirol: Sellaronda reloaded

Schon vor fünf Jahren hatte ich einen Beitrag über die Sellaronda auf dem Mountainbike mit Liftunterstützung geschrieben. Die Leser dieses Blogs wissen, dass ich mir normalerweise meine Höhenmeter selbst erstrample, trotzdem habe ich mich in diesem Jahr mit Freunden wieder auf den Weg gemacht. Ein Update lohnt sich, weil sich auf der Tour einiges geändert hat. 67 Kilometer und 750 Höhenmeter stehen bei der Variante im Uhrzeigersinn auf dem Programm, demgegenüber stehen 4.000 Höhenmeter Trailvergnügen bergab. Je nach Lust und Kondition lässt sich die Tour jetzt auf einigen Nebenstrecken nach Belieben erweitern. Für den kraftsparenden Trailspaß müssen aber 46 Euro für das Liftticket über den Tresen.
Grödner Joch in Richtung Corvara
In Wolkenstein parkt man auf dem Parkplatz am Ortsende in Richtung Grödner Joch, von hier fährt man zuerst kurz talauswärts und dann hoch zur Umlaufbahn Dantercepies. An der Bergstation angekommen, muss man sich entscheiden. Auf der Seite von Dantercepies kann man einen Flowtrail bis zurück zur Mittelstation mitnehmen - als netten Einstieg - oder man fährt direkt in die erste Abfahrt auf der Tour, in einen flowigen Trail bis zum Grödnerjoch. Ab hier geht es auf einem recht spaßigen Trail, der erst in den letzten Jahren entstanden ist, weiter nach Kolfuschg und weiter nach Corvara. 
Unterwegs nach Pralongia
Dolomitenpanorama mit Sassongher und Grödner Joch
Dolomitenpanorama mit Praloniga und Sella
Diesen besonders bei Skifahrern bekannten Ort quert man und an der Straße zum Campolongopass fährt man mit der Kabinenbahn auf den Col Alto. An der Bergstation hat man einen wunderbaren Ausblich auf die Dolomiten. Die Sellaronda für Biker ist beschildert und man folgt diesen Schildern, eine kleine Variante über einen Wurzeltrail kann man einbauen, indem man nicht direkt über den Weg abfährt, sondern kurz bergauf über den kleinen Hügel drüber. Danach nimmt man den Aufstieg mit einem Sessellift. In stetigem Auf und Ab geht es von hier auf breiten Kieswegen weiter nach Pralongia und dann auf netten Trails zum Campolongopass. Dort quert man die Passstraße und fährt weiter hoch mit einem Sessellift, dann über einen schönen, aber teilweise recht tückischen, Trail bis hinunter in den kleinen Skiort Arabba.
Jump!...
... vier Mountainbiker ...
... vier unterschiedliche ...
... Styles!
Hier quert man die Passtraße zum Pordoi und fährt zur Seilbahn Porta Vescovo. Diese katapultiert die Biker auf den höchsten Punkt der Tour, auf 2.471 Meter Höhe. Beeindruckend ist hier der Blick auf die atemberaubende Marmolada und auf den Fedaia Stausee. Ab hier geht es über grobe Schotter- und Geröllwege (aktuell wird ein neuer Trail gebaut) hinab bis zum Saletei Lift. Am Pordoi sind einige nette Flow-Trails entstanden und es bietet sich eine Befahrung derselben an, indem man ein - zwei zusätzliche Fahrten mit dem Sessellift einschiebt. 
Hoch über Arabba
Vor der Marmolada
Vom Pordoi bis hinab nach Canazei führt ein wunderschöner  Panorama-Trail, nicht ganz leicht zu fahren, im Wald über Wurzeln und oft durch Matsch und daher meist ziemlich rutschig. In Canazei folgt man dem Radweg bis Campitello und nimmt die Bahn auf den Col Rodella. Hier, im Angesicht des majestätischen Langkofel, geht es schwungvoll hinab zum Sellajoch, zuerst über Naturtrails und dann über schöne, neu gebaute flowige Trails bis Plan de Gralba. Auch hier sind zwei neue Trails entstanden, ein Flowtrail für die Familie und ein Northshore Trail für Könner.Sofern die Zeit reicht, kann man auch diese noch mit dem Liftticket mitnehmen.
Unter dem Langkofel
Letzte Abfahrt nach Wolkenstein
Auf einem Weg entlang der Skipiste geht es rasant zurück zum Parkplatz in Wolkenstein, zum Ausgangspunkt der Tour.

Fazit: Die Tour ist durchgängig beschildert und für Könner eine spaßige Tagestour. Mit dem Einbau einiger Varianten schafft man bis zu 5.000 Höhenmetern bergab und muss dafür nur knapp 1.000 Höhenmeter bergauf. Für Einsteiger teilweise etwas schwierig, aber machbar, wenn ein Guide oder ein erfahrener Biker dabei ist. Der Blick auf die Dolomitenlandschaft lohnt sich während der Tour - grandios!


Dienstag, 14. August 2018

Sarntal: Rittner Horn Runde mit Rückweg über Seeberg und Riedelsberg

Die Rittner Horn Runde von Sarnthein aus darf als einer der MTB Klassiker in den Sarntaler Alpen gelten. Deshalb gibt es eine Vielzahl an Varianten, die Tour kann im und gegen den Uhrzeigersinn, mit verschiedenen Anfahrts- und Abfahrtsrouten, als Tagestour oder als rasante Trainingsrunde gefahren werden. Dieser Beitrag beschreibt die Tour gegen den Uhrzeigersinn, mit Anfahrt über den Tanzbach und den Rückweg über das Prackfiederer Jöchl, den Rübner Seeberg und die Fraktion Riedelsberg.


Gestartet wird in Sarnthein am Parkplatz, man folgt dem Spazierweg der Talfer entlang bis zum Bad Schörgau. Dort fährt man man auf die Hauptstraße und folgt dieser für knapp 4 Kilometer talauswärts. Nach der Brücke über den Tanzbach biegt man links ab. Ab hier geht es nur noch bergauf, 1.385 Höhenmeter am Stück sind zu bewältigen. Man folgt immer noch auf Asphalt der Straße, nach einem Kilometer nimmt man die Abzweigung rechts und nach weiteren zwei Kilometern biegt man von der Asphaltstraße links in einen Forstweg ab (Schranke). Es geht recht steil bergauf, mit nur wenigen flacheren Passagen zum durchatmen, ehe man nach gut sechs Kilometern wieder auf eine Asphaltstraße kommt, die Straße nach Gissmann. 
Blick auf den Weiler Gissmann
Diese Straße quert man und fährt auf der Forststraße weiter in Richtung Rittner Horn. Auf dem meist staubigen Weg mit kurzen steilen Rampen kommt man zuerst auf die "Schien", ein - wie der Name schon sagt - schöner Ort mit Dolomitenblick. 
Auf der Schien
Weiter geht es in Richtung unteres Horn, an der Abzweigung zum oberen Horn kann man entscheiden, ob man das obere Horn auf dem Weg zum Gasteiger Sattel mitnehmen will oder es rechts liegen lässt. Nimmt man es mit, wird man mit einem wunderbaren 360 Grad Blick über die Südtiroler Bergwelt für die zusätzlichen 100 Höhenmeter belohnt. Für die Abfahrt kann man einen kurzen schönen Trail nutzen (wird aber nicht gerne gesehen). 
Almidylle und schier unendliche Weite
Almweg zum Gasteiger Sattel
Gasteiger Sattel mit oberem Horn in Hintergrund
Vom Gasteiger Sattel geht es für etwa drei Kilometer über einen breiten Almweg bergab in Richtung Moar in Plun. Dort kann man sich bei schönem Dolomitenpanorama auf der Terrasse stärken, ehe es scharf links wieder bergauf geht, in Richtung Stöfflhütte. Nach etwa eineinhalb Kilometern bergauf geht es links auf einen weiteren Almweg ab in Richtung Prackfiederer Jöchl. Diesem Weg folgt man für zweieinhalb Kilometer, dann hat man den Übergang ins Sarntal erreicht.
Die Weite der Villanderer Alm
Zuerst kommt man zur Moar in Ums Alm, dort endet der Fahrweg und es folgt ein einspuriger und nicht sehr gut fahrbarer Trail zur Seeberg Alm, diese Schiebestrecke ist aber weniger als einen Kilometer lang, danach geht es vorbei am schönen Schwarzsee, Grünsee und Seebergsee einen kurzen Gegenanstieg hoch. Ab hier weiter auf einem Forstweg drei Kilometer abwärts, danach biegt man links ab und erreicht über einen Forstweg, einen Trail und einen weiteren Forstweg, noch einmal kurz bergauf, die Waldrast Alm, die zu einer - nomen est omen - Rast einlädt.
Blick über die Seeberg Alm
Den krönenden Abschluss der Tour bildet eine Trailabfahrt von fast sieben Kilometern, zuerst über den Almweg bis zum Hallerhof, von dort rechts kurz über Asphalt und danach auf Weg Nr. 6 und 18 zurück nach Sarnthein zum Ausgangspunkt der Tour.

Fazit: Knapp 50 Kilometer und knackige 1.900 Höhemeter sind bei dieser Variante zu bewältigen. Eignet sich als schöne Tagestour mit zahlreichen Einkehrmöglichkeiten am Rittner Horn, auf der Villanderer Alm und bei der Waldrast/Riedelsberg. Details der Strecke auf Outdooractive!

Freitag, 3. August 2018

Sarntal: Highlights sammeln auf dem Tschöggelberg

Eine ganz besondere Tour führt vom Hauptort des Sarntales, dem meist recht beschaulichen Dorf Sarnthein, über sehr abwechslungsreiche und auch herausfordernde Wege mit sehr hohem Trailanteil an die schönsten Plätze auf der westlichen Flanke der Sarntaler Alpen.

Sarntal Panorama am Kreuzjoch
Start ist am Parkplatz im Dorf - so wird der Hauptort Sarnthein von den Einheimischen genannt - über die alte Straße nach Nordheim, dort geht es vor der Brücke links ab über einen Waldweg (Talrundweg) zum Saulegbrünnl. Dort fährt man links auf die Hauptstraße ein und biegt nach etwa einem halben Kilometer auf die Fraktionsstraße nach Essenberg ab. Auf Asphalt geht es aufwärts, nach rund zweieinhalb Kilometern geht es wieder links auf die Forststraße ab. Hier muss am Anfang eine Schranke in Form eines recht hohen Gatters überwunden werden. Danach geht es nur noch auf Schotter weiter, der Weg ist steil und die Reifen mahlen im tiefen Weg, nur an wenigen Stellen wird es etwas flacher. Die Strecke führt über den Wanderweg Nr. 14 und der Name ist Programm, denn 14 und mehr Prozent Steigung sind keine Seltenheit. So werden auf weniger als acht Kilometern über 800 Höhenmeter überwunden. Am Weg gibt es zweimal einen Brunnen zum Füllen der Trinkflasche und zur kurzen Regeneration.
Erfrischung am Brunnen
Eiskaltes Quellwasser an einem heißen Sommertag
Die erste Abzweigung links lässt man links liegen, siehe auch meinen früheren Beitrag. So kommt man über das Thaler Albl vorbei zur Kesselberg Alm. Dort angekommen geht es, der Wanderbeschilderung folgend, links ab. Zuerst gilt es, kurz zu schieben, dann kann man über den Fußweg und die Weide wieder ein wenig in die Pedale steigen. Dann ist endgültig Schluss, die letzten 300 Meter sind definitiv Schiebe- oder Tragestrecke, ehe es kurz vor der Kesselberghütte nach einem kleinen Gatter wieder fahrbar wird.
Blick zurück ins Sarntal
Blick hoch zur Kesselberghütte
Von der Kesselberghütte - dem höchsten Punkt der Tour auf knapp 2.300 Metern - geht es hinab über das Missensteiner Joch, über schmale und schön zu fahrende Singletrails bis zur Waidmann Alm, Kirchsteiger Alm und zur Meraner Hütte. Im dortigen Alpenvereinshaus bietet sich auf der schönen Terrasse eine Rast an, hat man doch die Hälfte der Tour und vor allem den größten Teil der Höhenmeter geschafft.
Im Angebot auf der Meraner Hütte - E-Bike Energy...
... und Kraft-Biker Energie!
Danach geht es weiter, immer nur sanft aufwärts und abwärts auf Wegen und Steigen auf dem Wanderweg E5, den Spieler entlang, über das Kreuzjöchl, das Kreuzjoch, das Auener Joch zu den Stoanernen Mandlen. An jedem dieser einzelen Orte lohnt eine Rast. Die Kraftplätze und Highlights der Tour sind mit einem berauschenden 360-Grad-Panorama das Kreuzjoch und die Stoanernen Mandlen. 
Entlang am Spieler...
... und dem Kreuzjöchl...
Die Abfahrt von den "Mandlen" zur Möltner Kaser ist schön und technisch, erst sanft über eine Weide und dann bockig über einen bachbettähnlichen Weg, der eine gute Fahrtechnik verlangt. Und auch zurück zum Putzer Kreuz verfolgt uns dieser Wegtyp, im leichten Auf und Ab, ehe man auf den Putzer Wiesen auf den Almweg einbiegt und damit wieder in ein sanfteres Geläuf kommt. Am Gasthaus beim Putzer Kreuz lohnt sich eine Pause, um sich für den letzten aber "zachen" Singletrail ins Dorf zu stärken. Denn ab hier geht es nur noch abwärts - nach Sarnthein, dem Ausgangspunkt der Tour.
Kraftplatz Kreuzjöchl
Die sagenumwobenen Stoanernen Mandlen...
...mit Blick über den Salten

Fazit: Traumhafte und besonders am Anfang recht schweißtreibende Tour, enormer Anteil an Singletrails und herrliches Bergpanorama. Empfohlen als Tagestour mit 37 Kilometern, 1.800 Höhenmetern, die es zu bewältigen gilt. Auf der Strecke sind während der Sommersaison viele Einkehrmöglichkeiten und Varianten vorhanden - siehe auch meine anderen Blogbeiträge. Details der Tour gibt es hier.


Donnerstag, 19. Juli 2018

MTB-Race: Was macht ein Mountainbiker beim Rennrad-Marathon Novecolli?

Hilfe, was mache ich als Mountainbiker hier am Start unter 13.000 Rennradfahrern? Ich bin doch der, der auf dem Fahrrad die Ruhe und Entspannung sucht. Ich bin doch sooo anders als die hier. Ich trage keinen Tyvek-Anzug oder Müllsack gegen die klirrende Kälte (12,5 Grad!), trage kein Tatoo mit Kettenblatt, Kette, Dreizack oder Drachen auf der Wade. Aber angemeldet ist angemeldet, da muss ich durch!
Am Start mit anderen 13.000 Rennradlern aus 52 Nationen
Nach dem Start geht es richtig zur Sache. Gefühlt endlos zieht sich die Strecke in der Ebene, eigentlich sind es nur 28 Kilometer. Bei Tempo >45 keine große Sache, möchte man meinen, die nach 40 Minuten ihr natürliches Ende findet. Und doch heißt es, rundherum aufpassen, stets voll konzentriert zu sein. Reißt mal der Kontakt zur Gruppe ab, steht man alleine im Wind. Bis - wie eine tosende Brandung - eine neue Welle von Fahrern herankommt, an die man sich anhängt und sich mitziehen lässt. Aufpassen heißt es auch an den unzähligen Kreisverkehren, Abzweigungen und Kreuzungen. Trotz Ordnungsdienst mit Fahnen und Trillpfeifen liegen immer wieder abertausende von Euros in Form von verunfallten Teilnehmern mit ihren teuren Sportgeräten mit verbogenen oder geborstenen Felgen, verschrammten Rahmen und zerrissenen Trikots am Straßenrand.

Wann kommt endlich der erste Anstieg? Wann muss ich nicht mehr mit diesen rabiaten Wellen mitschwimmen, kann meinen eigenen Rhythmus fahren? Diese Gedanken beschäftigen mich, nachdem ich wieder eine Gruppe habe abreißen lassen, ehe wieder das Branden von Carbonhochbettfelgen herandonnert, mich einhüllt und mich mitreißt wie ein Zug und ich eigentlich nur noch auf das charakteristische Tock-tock, Toch-tock, Tock-tock der Waggons auf den Geleisen warte.
Mit 13.000 ist man nie allein, immer in guter Gesellschaft
Endlich der erste Anstieg, der Polenta. Hier finden so manche Flachfahrer ihren Meister, müssen zum ersten Mal der Schwerkraft Tribut zollen und sich auf die Leistungsfähigkeit der eigenen Herz-Lungen Maschine einstellen. Kaum oben angekommen stürmen von hinten wieder Fahrer im Superheldenkostüm heran, drängeln sich vor, stürzen sich in die Abfahrt, als ob es um die intergalaktische Meisterschaft ginge. Nach der dritten Kehre sitzen bereits zwei der Helden mit blutigen Gesichtern am Straßenrand - es sind nicht die letzten heute. Und auch der eine oder andere Kugelblitz schießt rechts an mir vorbei: bis später Kollege, wir sehen uns beim nächsten Anstieg! Immer schön motiviert bleiben, bis zum Ziel.

Eine Veranstaltung wie den Nove Colli Radmarathon muss man genießen können, sich die Menschen, Räder und die Sprüche auf den Shirts ansehen - aber auf den 205 Kilometern mit 3.840 Höhenmetern habe ich ja Zeit. Mir ist klar, ich fahre nicht um den Sieg. Gerade zweimal habe ich bisher in der Saison auf dem Rennrad gesessen, nur 300 Rennradkilometer zu Trainingszwecken zurückgelegt. Das Jahr ist noch jung und auch die MTB Kilometer liegen noch im niedrigen dreistelligen Bereich. Ein Bekannter hatte mir mal den Tipp gegeben: "se vuoi fare la Novecolli, cerca di avere 5.000 chilometri nelle gambe" - willst du die Novecolli fahren, sieh zu, dass du 5.000 Km in den Beinen hast. Ich hab 500 Km - aber erst nach dem Rennen!

Auf dem Weg zum zweiten Anstieg, nach Pieve di Rivoschio - etwa nach Kilometer 50 - liegen plötzlich links und rechts der Strecke Berge von kaputten Schläuchen. Eine Geschichte macht unter den Teilnehmern die Runde, ein besonderer Sympathisant des Rennens hat wohl Nägel gestreut und sämliche Schlauchvorräte der Athleten, der Servicestellen und Servicefahrzeuge auf wenigen Metern Strecke pulverisiert. Ein Teilnehmer meint, diesen Sohn einer H... solle beim ... der Blitz erschlagen.

Der dritte Anstieg ist der Ciola, der geht noch recht leicht. Ein Stopp beim "ristoro abusivo" ist beinahe Pflicht, wenn man das Rennen zum Vergnügen fährt. Wurstwaren, Käse, Polenta, Wasser und Wein werden an dieser "unerlaubten", von einem noblen Spender (Sponsor) bestückten Verpflegungstation serviert.  Eine Jause tut gut, bevor es nach der Abfahrt nach Mercato Saraceno den berüchtigten vierten Hügel, den Borbotto, hoch geht. Die Strecke ist nur 5,5 Km lang und anfangs angenehm zu fahren, wird aber steiler und steiler. Besonders die Kehren hat der Straßenbaumeister gut hingekriegt, diese sind gefühlt wie senkrechte Mauern angelegt. Auf dem Papier sind es "nur" 18 Prozent Steigung. Alle kämpfen, radeln hoch, manche schieben und oben gibt es eine Bergwertung und ein riesiges Tamtam um jeden, der durch den Bogen der Zeitnehmung fährt.

Harmlos geht es in den berüchtigten Anstieg zum Borbotto
Es geht weiter, ab Sogliano bei Km 103 wird es ruhiger, denn hier biegen die Enduristen nach rechts auf die lange Distanz (205 Km) ab, während sich die Hektiker geradeaus in Richtung Ziel (130 Km) bewegen. Die Langstreckler sind jetzt unter sich. Aber was ist da los? Nach der Abfahrt kommen uns in Ponte Uso bereits die schnellsten Fahrer auf der Strecke in einem Höllentempo entgegen. Sie haben bereits die Schleife, bestehend aus den Anstiegen fünf, sechs, sieben und acht zurückgelegt und kreuzen unsere Strecke hier für ein paar hundert Meter. Diese Fahrer haben gut 50 Kilometer Vorsprung, nur noch einen Anstieg und etwas mehr als eine Stunde Fahrzeit vor sich. Egal, rein in den fünften Anstieg, der Monte Tiffi ist nur drei Kilometer lang, aber steil und hier ist es heiß - darauf kann man sich verlassen. Die neun Kilometer nach Perticara, dem sechsten Anstieg ziehen sich. Zeit zum Mittagessen, Energienachschub! Ein Teller mit hervorragenden Ravioli aus dem Kochtopf der Dorfköchin stillen den Hunger und geben wieder Kraft. Dazu ein wenig auf der Bank am Dorfplatz sitzen und das Treiben beobachten, dann geht es weiter.

Romagnolische Ravioli - nicht nur während des Novecolli ein Gedicht
Den Anstieg Nummer sieben, den Monte Pugliano, der mit 791 Metern die höchste Erhebung im Rennverlauf ist, fahre ich mit einem Teilnehmer im kompletten AS Roma Rennrad Trikot. Das ist mal ein konsequenter Fan seiner Mannschaft. Und er kämpft mit dem 9 Kilometer langen Anstieg, wie ich. Am achten Anstieg zum Passo delle Siepi geht es plötzlich leicht, ich fliege hoch, überhole laufend und mich befällt eine leichte Euphorie. Nur noch ein Anstieg - wenn auch sehr knackig, dann geht es in Richtung Meer und damit ins Ziel.

Der neunte Anstieg, der Gorolo führt mich zurück in die Realität und zeigt mir, auf den lediglich vier Kilometern mit Spitzen von 17 Prozent Steigung, warum er so gefürchtet ist. Mir zieht er den letzten Saft, der nach über 170 Kilometern noch vorhanden ist. Durch die beschaulichen Örtchen Tomba, Borghi und Tibola kämpfe ich mich in Richtung Savignano. Die letzten 20 Kilometer in der Ebene im Gegenwind kann ich mich kaum noch an schnelleren Gruppen orientieren. So fahre ich mit zwei Senioren mit, einem Deutschen und einem Engländer. Beide sind deutlich älter als ich, wir wechseln uns an der Spitze ab und fahren in recht beschaulichem Tempo gegen den Wind in Richtung Cesenatico, der Heimat des Piraten Marco Pantani. So ausgekocht wie ich mag er sich wohl 1998 nach dem Gewinn des Giro und der Tour gefühlt haben.
Am Denkmal von Marco Pantani "il pirata" in Cesenatico
Fazit: Im Ziel nach 10:10 Stunden, mehr als zwei Stunden langsamer als vor ein paar Jahren mit deutlich mehr Training. Aber viel erlebt, viel gesehen und irgendwie den Tag voll ausgekostet, eine lange Tour gefahren. 2:45 vor dem Letzten im Ziel,  Platz 4099 von 4873 auf der Langstrecke, auf den "richtigen" Novecolli. Weichgekocht zwar, aber zufrieden mit dieser Erfahrung, damit ist meine neunte Teilnahme am Rennen über die neun Hügel beendet. Detaillierte Streckeninfo hier.