Mountainbike - vom Mythos zum Mainstream?
![]() |
| MTB - wohin bist du gegangen? |
Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Es geht nicht um Nostalgie. Und noch weniger geht es darum, den Anfängen nachzutrauern. Aber ich bin mir sicher, es gibt einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung und der aktuellen Krise der Bike-Industrie. In meinem Beitrag MTB:Verantwortung übernehmen hatte ich schon einige Problemfelder aufgezeigt und die überzogene Aufrüstung und die viel zu starke Motorisierung der MTBs angeprangert. Was als Tretunterstützung geboren wurde, ist zum primären Antriebsaggregat mutiert.
Aber sehen wir uns die Entwicklung an. Es gab eine Phase, da war Mountainbiken rau, hatte etwas Wildes, war inbegriff von Abenteuer. Wenn der Weg nicht mehr fahrbar war, wurde geschoben oder getragen. Der anstrengende Uphill war Teil des Spiels und machte Lust auf das aufregende Bergab-Abenteuer.
![]() |
| MTB und Abenteuer |
Heute ist vieles perfektioniert. Trails sind gebaut, Shuttles organisiert, Events durchgetaktet. Das ist professionell und wirtschaftlich nachvollziehbar. Aber es verändert den Charakter. Aus einer sportlich angehauchten Nische und einer Clique aus Abenteurern ist ein breit akzeptiertes Freizeitangebot geworden. Und genau dies verursacht wohl die Irritation. Denn was vollständig integriert ist, verliert oft seine Aura, seinen Mythos und dadurch seinen Reiz. Wo bleibt das Freiheitsgefühl beim Biken, wenn Reichweitenangst, komplexe Technik, Motorengeräusch, Displays, Navis, Sportuhren und der Drang zum nächsten Selfie das Erlebnis überlagern?
![]() |
| MTB und Selfie |
Das E-Mountainbike hat enorme Verdienste. Es bringt Menschen zurück in die Berge, ermöglicht gemeinsame Touren über Altersgrenzen hinweg und öffnet die Szene für viele, die früher ausgeschlossen waren. Technisch ist diese Entwicklung beeindruckend. Doch mit der Elektrifizierung hat sich auch die Dramaturgie des Erlebens verändert. Der Weg nach oben war früher Prüfung und Versprechen zugleich. Wer oben stand, wusste, was er investiert hatte.
Und natürlich werden auch wir Biker älter. Viele erfahrene Fahrer entdecken das E-MTB für sich, als Ergänzung, als Hilfe für einen Zustieg oder für das Erlebnis in der Gruppe. Doch in manchen Regionen sieht man auf langen alpinen Strecken keine jungen Gesichter. Nachwuchs entsteht nicht automatisch durch technische Innovation. Die Technik verändert nicht nur das Fahrerlebnis, sie prägt auch das Selbstverständnis einer Generation von Bikern. Nachdenklich macht mich persönlich, wenn die Jungen nicht mehr lernen, wie man sich die Höhenmeter für eine Abfahrt verdient. Dieser Teil des Spiels ist dann endgültig verloren. Mit Shuttle, Lift und Motor wird das Erlebnis auf den Adrenalin-Kick beim Downhill reduziert. Und diese Kicks stumpfen ab - es gibt immer mehr, mehr Federweg, stärkerer Motor, größerer Akku.
![]() |
| MTB und Gruppenerlebnis |
Die aktuelle Branchenkrise wird oft mit dem Corona-Boom erklärt: Zu viel verkauft, zu viel produziert, nun folgt die Korrektur. Diese Erklärung ist bequem, aber sie greift zu kurz. Eine Branche kann nur wachsen, wenn ihr Produkt gesellschaftlich verankert ist, nicht nur im Freizeitmarkt, sondern auch im Alltag. Es geht also um den gesellschaftlichen Raum, den wir dem Fahrrad grundsätzlich zugestehen. Der öffentliche Raum wird enger und er bleibt in weiten Teilen autozentriert. Während die Automobilindustrie politische und wirtschaftliche Priorität genießt, bleibt das Fahrrad trotz aller Nachhaltigkeitsrhetorik strukturell zweitrangig.
In vielen Städten fehlt eine durchgängige, sichere Infrastruktur. Eltern zögern, ihre Kinder allein mit dem Rad fahren zu lassen. Kinder steigen später ein, erleben das Fahrrad weniger als selbstverständliches Verkehrsmittel und Freiheitsinstrument. Was früher Alltag war – der Weg zum Freund, zur Schule, ins Freibad – wird heute organisiert oder durch das Auto ersetzt. Wenn ganze Generationen diese Autonomie nicht mehr erleben, verliert das Rad seine kulturelle Verwurzelung. Begeisterung entsteht nicht durch Produktdatenblätter, sondern durch frühe Erlebnisse. Wenn diese Basis schmaler wird, schrumpft langfristig auch der Markt.
![]() |
| MTB und Familie |
Alle Produzenten bauen heute bessere Bikes als je zuvor. Geometrie, Fahrwerke, Integration – alles auf höchstem Niveau. Die Produkte sind nicht das Problem. Was bröckelt, ist die kulturelle Aufladung. Technik kann Begeisterung verstärken, aber sie kann sie nicht ersetzen. Wenn Mountainbiken weniger als Ausdruck von Freiheit wahrgenommen wird und mehr als Konsumoption unter vielen, verliert es emotionale Strahlkraft.
Ein paar unbequeme und zugespitzte Hypothesen:
1. Mountainbiken hat an Coolness verloren, weil es vom Gegenentwurf zum Mainstream geworden ist. Was vollständig integriert ist, kann schwer rebellisch bleiben.
2. Die Elektrifizierung hat Zugang geschaffen – aber sie verändert das Selbstverständnis des Sports.
Wenn Anstrengung optional wird, verliert das Erreichte an Bedeutung.
3. Die Industrie leidet weniger an Überproduktion als an Bedeutungsverlust.
Ohne kulturelle Verwurzelung sinkt langfristig die Nachfrage.
4. Eine alternde Zielgruppe stabilisiert Umsätze – aber sie erneuert keine Szene.
Dynamik entsteht aus Nachwuchs, nicht aus Nostalgie.
Das Mountainbiken hat ganz sicher an Kante verloren. Es ist integrierter, zugänglicher, vernünftiger geworden. Und zugleich hat sich die Szene zersplittert, zwischen E-Bikern und Bio-Bikern, zwischen All-Mountain-, Enduro-, Touren-, Marathon-, X-Country-Fahrern. Diese Subgruppen sind Ausdruck einer Differenzierung, aber sie erschweren auch das Selbstverständnis, das die Szene früher zusammengehalten hat. Die Gemeinschaft der Mountainbiker, wie wir sie kannten, gibt es nicht mehr. Die Energie hat sich verstreut. Kein Wunder, dass sich viele, die sich nach Einfachheit und Leichtigkeit sehnen - und vielleicht auch nach einem Hauch von Coolness - dem Gravel oder dem Rennrad zuwenden.
![]() |
| Rennrad-Coolness |
Was nun? Wenn wir wollen, dass die Branche wieder wächst, reicht es nicht, neue Modelle auf den Markt zu bringen. Es braucht Raum in Städten und Landschaften. Es braucht Kinder, die früh Freiheit auf zwei Rädern erleben. Es braucht Geschichten, nicht Spezifikationen. Das Mountainbike hat seine Seele nicht verloren. Aber sie hat an Glanz verloren. Weniger abenteuerlich, weniger wild. Vielleicht liegt die Zukunft darin, dem Rad wieder Bedeutung zu geben. Als Symbol für Eigenständigkeit. Für Mut. Für Freiheit. Für Abenteuer. Für Gesundheit. Für Gemeinschaft. Vielleicht haben wir uns zu sehr auf Innovation konzentriert – und zu wenig auf Identität.
![]() |
| MTB - Freiheit, Abenteuer, Gesundheit, Gemeinschaft |
Vielleicht ist die Krise nicht wirtschaftlich, sondern emotional. Vielleicht haben wir das Mountainbike perfektioniert – und dabei entzaubert. Die Frage ist nicht, wie viel Technik wir noch integrieren können. Sondern wie viel Bedeutung wir ihm wieder zurückgeben wollen.







Kommentare
Kommentar veröffentlichen